Animal Pard Net - Tierschutz - Griechenland

Nikiti 2013

Nikiti – ein Reisebericht der etwas anderen Art

Bevor ich hier meine Eindrücke der APN Station in Nikiti wiedergebe, sollte zum besseren Verständnis erklärt werden, dass ich diese Station zusammen mit Samira gegründet und erbaut habe. Im September 2006 habe ich Griechenland verlassen und habe am 20.01.2013 das erste Mal wieder die Station betreten.

Ja, Ja – die Schatten

Am Morgen des 20.01.2013 öffnen wir das Tor zur Schleuse. Samira zeigt auf eine alte Hündin und mahnt etwas zur Vorsicht. Alle anderen Hunde im Schleusenbereich sind harmlos und können problemlos passiert werden. Die Alte ist blind und könnte wegen fehlendem Wiedererkennungsriecheffekt erst einmal zubeißen. Wir schlängelten uns durch das kleine Rudel im Schleusenbereich, knuddelten ein wenig den Bounty, der hemmungslos einige Streicheleinheiten einforderte und standen vor Tor 2. Da standen sie, die noch lebenden Hunde meiner früheren „Jagdbeute“, die Narkoseblasrohrbeute, die Hunde, die trotz aller Ängste und ohne es zu wissen, den Weg zur Station gebucht hatten; der Knautsch, der Ole, die Niki, die Asta, der vor 9 Jahren schon am Strand liegende „tote“ Karli, der Jack und eine mir unbekannte kleine Hündin namens Wilma. Meine Emotionen schlugen Purzelbäume. Ich drückte die Klöße weg und konnte mit relativ fester Stimme ihre Namen rufen. Wir zwängten uns durchs Tor und dann
hatte ich zu kämpfen.
Alle wollten etwas sofort, was aber die Anzahl der Hände beim Menschen nicht möglich machte.. Selbst Asta, die ewig zickige Knalltüte, gab alles für eine verschmelzende Begrüßung. Niki und Jack betrachteten ungläubig, aber auch ein wenig neidisch, wie der Rest dieser Truppe meine Emotionen belastete. Asta und Ole wollten ständig Pfötchen geben, Knautsch tollpatsche in meine Armbeuge und Karli wollte permanent getätschelt werden. Er ließ mich nicht aus den Augen und stupste bei jeder Gelegenheit unter den Arm. „ Das machen Sie mit Fremden nicht“, war der Kommentar von Samira, „Die haben Dich wieder erkannt“, war die zweite Schaufel, die sie mir verbal über die Rübe knallte.
Dann begrüßten wir die Helfer auf der Station, ausnahmslos engagierte Tierschützer, erzählten dies und jenes und absolvierten dabei ein kleines Frühstück. Zwischendurch ging ich auf den Vorhof und setzte mich rauchend auf eine Palette. Sofort kam wieder Karli angeschlichen, Ole von der anderen Seite und Asta kratzte mir mit ihrer Pfote den Rücken. Ich verlieh mir einen Panoramablick und war von dem, was meine Linsen aufnehmen konnten, begeistert. Diese Station ist einfach nur schön. Farben kämpfen um die Gunst mit kreativen, baulichen Wagnissen, die damals noch dünnen Bäumchen strotzten mit ihrer Kraft und wollten selbst in der Wintersonne schon Schatten spenden. Es war eine einzige Freude der Sinne. Da ich gerade dabei bin, am Tag darauf schaute ich mir meine Hinterlassenschaft etwas genauer an und mein Fazit ist zu 100 % positiv: Alles, aber auch wirklich alles, was nach mir angebaut, verbessert, verlängert, geändert oder auch erneuert wurde, ist so etwas von detailverliebt , niedlich, kreativ und mit höchster handwerklicher Solidität durchgeführt worden, das man als Mitglied in dieser Organisation nur Stolz und nochmals Stolz für diese Einrichtung empfinden darf. Man sollte diese Beschreibung niemals verwechseln mit Luxus. Es wurden Spenden und Material für ganz kleines Geld verbaut. Palettenweise wurden Fliesenreste für 1 Euro je Quadratmeter erworben und dann mit Liebe und noch mehr Phantasie verbaut. Ich kenne mittlerweile sehr viele Tierschutzeinrichtungen, vor allem in Deutschland und was muss ich feststellen: keine kann es mit unserer Station aufnehmen; die sind einfach chancenlos. Krass, oder?

So, wieder zurück zur Palette und der kratzenden Asta. Das Frühstück war beendet und wir gingen zum Haus von Samira und Salina. Als erstes sah ich das Grab von Nuri. Es würgte. Rea, Tempo, Bolucka, Mäuschen, Dackelchen , Hilde und der große Nuri waren damals auch die Bewohner dieses wunderschönen Hauses. Ich schaute auf den Athos, den heiligen Berg, wollte gerade in die Vergangenheit hinübergleiten, als die Schatten eben dieser Vergangenheit mich in die Realität zurück holten. Cora und Snowy kamen an gebrettert und noch bevor ich ihre Namen aussprechen konnte, hatte ich Cora in der Senkrechten an mir kleben.


Wieder nahm sich Samira eine Schaufel und sagte ebenfalls berührt, dass die Schatten einen nicht vergessen. Jetzt war ich hinüber und doch befreit.
Auch hier waren die damals zarten Pflanzen nicht faul gewesen und haben ihr Grün dem lehmigen Boden entgegen gesetzt. Ich schaute auf die Altenstation, auf den Wildstrauch unter dem Sam und Else liegen und wieder auf den Athos. Nicht nur, dass die Station ein visuelles Kleinod ist, auch die Landschaft um den Hügel der glücklichen Hunde ist etwas eigenwillig Wunderbares. Der damalige Acker hat sich zu einem kleinen Paradies gemausert und kämpft mit dem Umland um die Gunst des Betrachters. Wir alle, die sich dieser Aufgabe durch persönlichen Einsatz und finanzieller Unterstützung verpflichtet fühlen, sollten immer dafür eintreten, dass die Natur den Wettstreit niemals gewinnen wird; will sagen, dass die Natur, das soggenannte Umland mit seiner Schönheit am Zaun der Station aufgehalten wird.
Diese Tierschutzeinrichtung ist eine überzeugende Entschuldigung für die Grausamkeiten einzelner menschlicher Exemplare gegenüber den Tieren. Als solche ist sie Vorbild für andere, die sich nicht einfach wegdrehen wollen und den ausgesetzten Tieren eine Option für´s Leben geben möchten.
Samira gab uns ihr Auto und wir begannen eine Rundfahrt um die Sithonia. In Ormos Panagia, dem Ablegehafen der Athosfähren, schlich ein gut genährter Rüde über den Dorfplatz. Menschen sahen wir keine und man hätte annehmen können, dass dieses Fleckchen Erde auch ganz gut ohne diese Art auskommen könne. Weiter ging die Fahrt in Richtung Kalamitzi, Zwischenstopp in der wohl schönsten Bucht der Sithonia, noch ein schwermütiger Blick auf den Athos und schon waren wir kurz vor Nea Marmaras.
In einer kleinen Bucht besuchte ich Freunde vergangener Tage, fragte dieses und jenes und erfuhr ganz beiläufig, dass ein verrückter, alkoholkranker Grieche am Strand mittlerweile an die zwanzig Schäferhunde beherbergt. Ich kenne den Typen und es ist mir völlig unverständlich, weshalb er nicht wenigstens die Weibchen bei Samira kastrieren lässt. Die nächste Baustelle tut sich gerade auf und es werden immer wieder solche Baustellen entstehen. Das ist auch ein Teil der griechischen Mentalität.
Hinter Nea Marmaras passierten wir Agios Jannis, eine große Bucht, die früher die Heimat von Hasenkind und Tochter war (gell Jochen). Gedanken, Erinnerungen und viele, viele Hunde begleiteten mich geistig während dieser Rundfahrt. In einer der schönsten Landschaften Griechenlands war ein vermeintlicher Frieden eingekehrt. Insgesamt begegneten uns während der 110 km Rundfahrt gerade mal 3 Hunde. Kein toter Hund am Straßenrand. Früher wären es 30 gewesen und davon 10 in den verschiedensten Phasen der Verwesung. Die Arbeit von Samira und Kollegen trägt einfach Früchte und ohne einzelne Grausamkeiten in ihrer Unerträglichkeit herunter zu spielen, ist die Summe des Elends enorm gesunken.

Am Abend gingen wir alle zusammen Essen. Das Restaurant war leer; wir waren die einzigen Gäste. Die Krise ist in Griechenland unübersehbar angekommen.
Am darauffolgenden Morgen holte uns Samira am Hotel ab, welches früher der jahrelange Aufenthaltsort von Emma war („Emma stirbt“), und wir erledigten wie schon am Tag zuvor die Fütterrunde am Strand von Nikiti. Beach Boy und eine etwas ängstliche Hündin, die ihren Welpen bald auf die Station folgen wird und einige Katzen waren alle Tiere, die gefüttert werden mussten. Auch diese Zahl ist im Vergleich früheren Fütterrunden verschwindend klein.
Der Tierschutz im direkten Umfeld der Station ist bei dieser vergleichenden Analyse, d. h. die Anzahl der unversorgten Tiere, einfach nicht zu übersehen. „Gute Arbeit, Samira und Team!!!“
Tagsüber unternahm ich eine kleine Zeitreise. Unser altes Haus in Nikiti, wo noch mit Schreibtischlampe und Küchentisch im Gästezimmer kastriert wurde, Besuch unser ehemaligen Nachbarn, die Hügellandschaft oberhalb Nikitis, meine alte Surf- und Schnorchelbucht und viele Unterhaltungen mit guten Freunden. So ein Tag kann verdammt schnell vergehen.
Am Tag der Abreise fuhren wir morgens zur Station. Tag´s zuvor hatte ich schon den Hund mit dem Wirbelsäulenschuss entsorgt und als wir ans Tor kamen, musste schon wieder ein Hund erlöst werden. Der Rüde von Ormos, den wir zu Beginn unserer Rundfahrt kennen gelernt hatten, war so schwer angefahren worden, dass den besten Dienst, den wir dem armen Kerl noch leisten konnten, darin bestand, dass er Erlösung in liebevollen Armen fand. Ja, Tierschutz wird auch immer grausame Momente mit sich bringen. Die Belastung der Seele braucht aus diesem Grund immer einen Ausgleich. In der Verladung der Hunde für den Transport zum Flughafen verschafften wir uns dieses psychisch notwendige Gegengewicht. Bounty, der schon viel auf dieser Welt erleben und erleiden musste, wurde unter dem Schluchzen von Salina, Samiras und Nikos 4 jähriger Tochter, sanft in die Transportbox geschoben. Es war ein Zufall, aber die Box trug die hubertsche, handschriftliche Aufschrift: „Wir fliegen in eine lebenswerte Zukunft“. Manchmal kann die Zeit auch stehen bleiben. Samira tröstete ihre Kleine mit der Wahrheit: „Der Hubert bringt den Bounty in sein neues tolles Zuhause; das ist doch toll, oder?“. Ja, es ist toll!!! Salina verstand und hörte auf zu weinen.
Dann kam die etwas ängstliche Wilma in die Box, schnell noch drei Welpen und schon ging es wieder in Richtung Deutschland. Am Flughafen verlief alles reibungslos. Noch schnell die neue Hündin für Ruth und Jochen in die Box und schon kam die Zeit des Abschiednehmens.

Ich sah in Samiras Gesicht und konnte 16 Jahre Tierschutz in vorderster, erbarmungsloser Front lesen. Dieser Strich in der Landschaft, zumindest im Vergleich zu meinen Speckröllchen, ist aber zäh; eine wahrhaft starke Frau. In der griechischen Sprache gibt es den männlichen Vornamen Apostelos, der Berufene. Samira ist eine Aposteline – ihr Handeln ist eine Berufung. Sie muss und sie wird noch viele Jahre durchhalten; durchhalten wollen. Unsere Unterstützung für das kleine Paradies auf dem Hügel der glücklichen Hunde ist eine der wesentlichsten Voraussetzung für diese Beschwörung.
Hubert

Emma stirbt!

Emma stirbt

Es ist der 05.04.2005, 22:03 griechische Ortszeit. In unserem OP-Raum kämpfen seit einer Minute Samira, Nora und Wolfgang um das Leben von Emma. Vorhin klingelte das Telefon - aufgeregte Menschen riefen an und baten um dringende Hilfe - Emma ging es sehr schlecht. Samira setzte sich sofort ins Auto - holte Emma zu uns auf die Station und fing leise an zu beten . . . sie sah sofort - Emma hat Gift gefressen.
Text von Hubert Tiess
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Ich selbst, liebe Emma, habe dir nur kurz in die Augen geschaut und ich wusste gleich, du liegst im Todeskampf. Samira mit unseren Helfern holen alles raus, was es nun zu tun gilt. Sofort wirst du an den Tropf gelegt, man setzt sofort alle Massnahmen, die dich retten sollen. Alles läuft parallel, mit sicheren Griffen, damit das Gift dir nicht die Gedärme und deinen oft so hungrigen Magen verätzt.
Sechs Jahre lang warst du unsere Emma. Wir glaubten dich an deinem angestammten Platz in Sicherheit. Dort, an dem Platz, an dem du 6 Jahre lang gelebt hast. Du wurdest von uns regelmässig geimpft, entfloht, entzeckt - und immer konnten wir sehen, dass es auch Einheimische gibt, die sich um so liebe Wesen, wie du es bist, kümmern.
Aber so ist es nun mal mit dem Glauben- die Realität verleugnet ihn. Du windest dich, die Schmerzen sind unerträglich, aber du bist noch nicht für´s Sterben bereit.
Ich versuche dir vom Schreibtisch aus zu helfen, aber es geht nicht. Dein Anblick der Jahre saust durch meinen Kopf, die Tränen schreibe ich gerade nieder. Du kämpfst immer noch.
Ich frage Wolfgang, der gerade aus dem OP kommt, er sagt auch unter Tränen: 'Es sieht nicht gut aus'.
Meine Finger hacken auf die Tastatur. Emma, du bringst mich zur Verzweiflung. Die lieblichen Bilder deiner, meiner, unserer 6 jährigen gemeinsamen Geschichte prallen an deine eben gesehenen Augen- Emma stirbt.
Was hast du kleines, dummes Mädchen denn schon wieder angestellt? Warst du womöglich als Hund, ein 'Nicht Mensch' ein unbeseeltes Wesen - und irgend jemand wollte dir absichtlich weh tun? Wozu aber? Warst du für andere 'Nicht Menschen' , die aber einen griechischen Reisepass besitzen, ein großes Ärgernis? Welches denn nur?
Ich sitze und warte bangend schon wieder auf diese unglaublich traurigen Worte, die ich schon so oft gehört habe - diese Worte aus dem OP: 'Es ist vorbei'. Wenn Samira trotz aller Künste, die kein anderer Mensch hätte besser machen können, das Leben nicht mehr retten kann.
Noch höre ich diese Worte nicht, aber ich warte und warte. Bang ist es in meinem Herzen, es klopft wie wild - unzählige Tiere, die wir haben retten können, sausen durch meinen Kopf, unzählige Tiere, wo jede Rettung zu spät kam, ebenso. Ich fühle mich erdrückt und plötzlich sehr einsam und völlig ohnmächtig. Ich weine. Die Trauer all der Jahre scheint sich heute wie ein Vulkan zu öffnen, am liebsten würde ich mit dir mit schreien . . .
Liebe Emma - wie viele Menschen hast du glücklich gemacht? Artig bist du von Tisch zu Tisch gewandert, hast den Menschen in die Augen geschaut und keiner konnte deinem lieben Wesen, deinen kajalumringten Augen widerstehen. Du warst bei allen Menschen beliebt - ganz besonders natürlich im Sommer, wo du dich in die Herzen von vielen Touristen geschmeichelt hast - wurdest auch immer brav mit kleinen Leckerlies belohnt.
Die Last des ständig gebären müssen nahmen wir dir vor 6 Jahren . Von da ab konntest du leben, bis . . ? Ja was hast du dummes Mädchen denn schon wieder angestellt?!
Hast du etwa ein Auto verfolgt, oder, hast du womöglich gebellt? Nein Emma, das darf man hier nicht ungestraft bei Bestien machen- sie zahlen es dir tückisch und feige heim. Diese Bestien haben immer Gift in den Taschen und sie wollen es los werden. Du hast ihnen eine Möglichkeit gegeben, mein liebes, kleines, dummes Hundemädchen!
Es nützt nichts Emma, du und ich müssen hier und jetzt die Wahrheit in die Welt hinaus brüllen:
'Deine Heimat Griechenland ist eine tödliche Überpopulation von Bestien. Es gibt zuviele einfach 'gestrickte' Fleischberge, denen man ein menschliches Empfinden nie beibringen kann / konnte / wollte'. Hier hat die Erziehung völlig versagt. Dafür lieben sich diese 'Menschen', fühlen sich berechtigt, Schmerz und Leid und Tod zu geben. Deine Schmerzen gibt ihnen ihren feigen, erbärmlichen Stolz.
Verzeihe uns Menschen. Weist du, liebe Emma, heute sind 8 kleine Leidensgenossen von dir in eine Zukunft geflogen, mit der Hoffnung auf ein anständiges Leben. Die kleine Stina wird in München operiert. Ich werde sie kurzfristig in Emma umtaufen. Man wird den mehrfachen Knochenbruch hin bekommen und dann wird diese kleine 'Zweikiloemma' dein Leben fortsetzen.
Ich weiß, es ist ein magerer Trost, aber mehr habe ich dir nicht anzubieten.
Verzeihe die Grausamkeit mancher Menschen, wenn Du kannst. Aber glaube mir, täglich quälen sich die Menschen untereinander, sie foltern und töten sich, sie lassen Teile ihrer Nachkommenschaft einfach verhungern. Wir nennen uns Menschen und wir bastelten uns einmal einen Verhaltenskodex, der uns bescheinigt, dass wir lieb, intelligent und etwas ganz Besonderes sind. So begann die Flucht in die Lüge.
Was hast du kleines, dummes Hundemädchen denn schon wieder angestellt? Warst du etwa vorhanden, einfach so? Hattest du etwa keinen Nutzwert deutlich nach außen hin versprochen?
Dein Magen wird zur Sickergrube der menschlichen Gefühle - unbegründeter Hass beißt sich in deine Magenwände. Wir können dir jetzt nicht weiter helfen, wir müssen abwarten, was die Medikamente in deinem geschundenen Körper bewirken können. Wir hoffen. Denn es gibt immer eine Hoffnung. Ich hoffe jetzt ganz stark. Du musst mir helfen; ich glaubte dich doch in Sicherheit; Du hast mich doch nahezu täglich in der Herzgegend erwärmt. Du hast jetzt nicht das Recht zum Sterben! Wir können dich nicht auch noch verlieren. Das vergangene Jahr hat uns schon genügend Herzblut gekostet.
Ich weine, meine Ohnmacht und meine Wut stimmen in dein Winseln ein.
Samira weint nicht - sie weis in solchen Momenten immer genau, was es zu tun gilt. Sie ist völlig klar und gibt alles, um dein kleines Leben zu retten. Ich bewundere meine kleine tapfere Frau - sie steht dir mit allem bei - und ich leide mit jeder Faser meiner Seele mit dir mit.
Ja - auch Hasenkind fällt mir wieder ein. Hasenkind, eine scheue 'Strandhündin' wurde vor ca. 5 Jahren Mutter - Hasenkind war scheu, wie ein Reh - nur noch viel, viel scheuer. Sie lebte unter einem dicken Brombeergestrüpp - hatte, so vermuten wir, noch nie Menschen gesehen. Samira brauchte fast ein Jahr, um sich ihr etwas näher zu können. Hasenkind und das Töchterlein haben wir kastriert, täglich gefüttert - und trotzdem, das Töchterlein wurde am Strand tot aufgefunden - und unser geliebtes Hasenkind wurde von schmutzigen Teufeln in Armeeklamotten aus purer Mordlust einfach durchsiebt. Solche Spezies nennen sich weltweit Jäger.
Ja Emma, unser Hasenkind hat 5 Jahre lang im Schilf, weit weg von der Brutalität unserer Art gelebt. Wie groß war die tägliche Freude für unsere Kleine. Sie fing über die Jahre an, uns zu lieben. Wir förderten diese Liebe und ohne es zu wissen, schickten wir sie dadurch in den Tod, weil sie auch zu Menschen, die nichts Gutes ihr wollten, Vertrauen entgegen gebracht hat. Hasenkind, du konntest es nicht besser wissen. Sie knallten dich einfach ab. Deine zarte Liebe zu unserer Art war gleichzeitig der Anfang vom Ende deines irdischen Daseins. Leb wohl Hasenkind und verzeihe uns - wir sind nicht wirklich schlecht.
Hallo Barbi, Jorgo und Bruno. Auch euch konnten wir nur einige Jahre schützen. Bald wird die Emma im vielleicht erfundenen, aber von mir schon gewaltig erwünschten, Hundehimmel stranden. Wischt ihr bitte zärtlich die Tränen der Schmerzen aus dem Gesicht und sagt ihr, dass wir nicht wirklich böse sind. Wir haben alles versucht, wirklich alles.
Emma lebt noch.
Wie oft müssen wir selbst wegen euch lieblichen Wesen noch leiden? Ich wünsche mir für euch einen richtig feinen Hundehimmel. Dort solltet Ihr das euch angetane Leid vergessen und helft uns bitte im täglichen Kampf für die Erfüllung der so schön formulierten, menschlichen Ideale.
Ich streichle meine süße Lotte. So scheu wie anfänglich unser Hasenkind war sie. Heute hat Lottchen ein kleines irdisches Paradies gefunden. Sie liegt im Körbchen neben dem Schreibtisch und schaut mich aus ihren herrlichen kohlefarbenen Augen an. Dich durften wir auch einmal retten, Lotte. Welch ein Trost bist du in diesen bangen Minuten.
Emma liegt jetzt nicht allein im OP. Ein noch junger Rüde, wir haben ihn Tilo getauft, kämpft auch seit fünf Tagen mit dem Gift. Und Tarzan, ein kleiner Unfallhund, dem wahrscheinlich das Bein amputiert werden muss - vielleicht kann er euch etwas aufheitern. Etwas Lebensmut geben. Er teilt zwar eure Unterkunft, wird aber sein von der Natur gegebenes Leben ausleben können und, wenn nicht anders möglich, auch auf drei Beinen.
Zwischen euch allen wird diese Nacht, wie schon die Nächte zuvor, Samira über euch wachen und für das so unnötig zugefügte Leid ihre Liebe euch über den Tropf verabreichen. Versucht zu überleben.

Wir danken dem Schicksal für unsere Aufgabe. Wir dürfen uns für euch einbringen. Nehmt es bitte an.
Es ist jetzt der 05.04.2005 23:20. Emma atmet ruhig, das Fieber ist auf Normaltemperatur gefallen, die Krämpfe sind weg.
Ich freue mich über meine falsche Einschätzung. Es gibt halt immer eine Hoffnung!
Emma lebt!
Nach zwei Wochen gaben wir Emma an die Taverne zurück, wo sie seit sechs Jahren lebt - die Besitzerin war ausser sich vor Freude und Tränen der Erleichterung rannten ihr aus den Augen - Emma hatte sich prächtig erholt - keine Schäden im organischen Bereich - Samira hat wunderbare Arbeit geleistet. Auch Emma genoss sichtlich die Streicheleinheiten ihrer Besitzerin.
Und dann - und dann - und dann -
Heute, der 23.04.2005, ist Emma dem zweiten Giftanschlag erlegen. Es war also nicht so zufällig gefressenes Gift, welches hier ja bald an jeder Ecke rumliegt - nein - es war also eine gezielte Aktion gegen dich. Mach's gut, liebe Emma. Du wirst den Tilo treffen, die Barbie, den Bruno und den Jorgo - und unzählige andere Tiere, die einem gleichen Schicksal erlegen sind. Grausamkeiten, die es nicht nur in Griechenland gibt, ich weis, ich weis - Bulgarien, Rumänien, Spanien - und - und - und - scheinbar gibt es wenige friedliche Plätze auf diesem kleinen Planeten, wo man euch nicht grausam nach dem kleinen, bisschen Leben trachtet. Gemeinsam solltet ihr das Grausame, was man euch angetan hat, versuchen, zu vergessen.

Ein Versprechen muß man halten....

Ein Versprechen muss man halten


„Der Hund stinkt“; mit von sich gestreckten Händen wurde mir eine kleine verwahrloste Hündin gereicht, die sich vor Angst und Demut am Liebsten in Luft aufgelöst hätte. „Wir füttern sie seit Jahren im Sommer durch, im Winter sind wir zu Hause in Deutschland, sie gehört wohl einen Schäfer und jedes Frühjahr kommt sie als Skelett zu unserem Haus“ wurden mir während der Übergabe um die Ohren gebellt. Wortlos nahm ich die Kleine in den Arm, drehte mich um und ging den Weg, den ich schon tausende Mal gegangen bin – in unseren Behandlungsraum.
An dieser Stelle beginnt eine der zärtlichsten Beziehungen, die zwischen Hund und Mensch möglich ist und über diese möchte ich Euch berichten. Auf den Weg zum Behandlungsraum begrub dieses zerfusselte Stück Fell seine Schnauze unter meinen Arm und schien immer schwerer zu werden. Sie ließ sich einfach in mich fallen. Mir wurde, wie schon des Öfteren warm ums Herz und ich setzte die Kleine sanft auf den Behandlungstisch. Erst jetzt konnte ich sie mir genauer anschauen:
Zwei trübe Äuglein schauten mir direkt ins Gesicht. Den Kopf gesenkt und nicht wissend, was wohl die kommenden Momente bringen werden, versuchte sie ein zaghaftes Wedeln. Das Fell war eine einzige Anhäufung von Dreck, Flöhen, Schmiere und der Austragungsort einer griechenlandweiten Zeckenversammlung. Massenweise krochen Maden aus den Körperöffnungen und weshalb dieser Hund überhaupt noch lebte, war schon ein kleines Wunder.
Nun ja, durch bloßes Anschauen wurde bei uns noch nie ein Hund gerettet und so ging es massiv in den Parasitenkampf. Das war im Sommer 2008.

Scherzhaft werden Hunde mit einen übermäßigen Befall von Parasiten bei uns als Flohtaxi bezeichnet. Hier lag kein Taxi vor mir, das war ein riesiger Reisebus. Der Name für dieses Häufchen Elend ergab sich wie von selbst: Omnibussi ward geboren.

Omnibussi musste sehr oft Kinder geboren haben. Das Schicksal von 80 bis 100 kleinen Omnibussis sollten wir uns lieber nicht vorstellen, das Leiden der immer besorgten Mutti auch nicht. In solchen Fällen gibt es nur eine Zukunft, die Vergangenheit muß zum Schutz des Seelenheils ruhen. Nach einer kurzen Erholungsphase wurde sie vom ständigen Gebären befreit und wegen Überfüllung der Station wieder in die Obhut der zwei Sommertouristen gegeben. Die Übergabe erfüllte mein Herz mit Wehmut, aber ein kleines Versprechen konnte ich ihr mit auf den Weg geben: Im Herbst kommst Du für immer zu uns. Sehr schmerzhaft wurden mir die Bilder von Emma, Lachliesel, Kokkino, ganz aktuell vom Schoko und den vielen Anderen ins Hirn gebrannt. Die Angst vor solchen Schicksalen ist immer da und wird auch nie mehr weichen.
Das muß Omnibussi gespürt haben und setze sich fleißig in jeden Grannenhaufen, den sie finden konnte. Die Grannen hakten sich geschwind fest und begannen den Marsch ins Körperinnere. Im Ergebnis fing die Kleine wieder an zu stinken und nach einigen Wochen übergaben mir die zwei weit von sich gestreckte Hände meine Kleine Omnibussi.
Auf den Weg in den Behandlungsraum wich die Wut einer immer größer werdenden Ruhe: Jetzt bleibst Du hier und falls Du mich jemals verlassen wirst, dann in eine Welt, die ich Dir nicht bieten kann. Tapfer ertrug sie eine notwendige Chemotherapie, danach noch eine Ehrlichiose - Behandlung und eine weitere Operation. Omnibussi wurde mein kleiner Schatten. Mutig drängte sie sich für jede Begrüßung in die erste Reihe, die Freude kleinster Streicheleinheiten ließen ihre jetzt klaren Augen leuchten und immer dann, wenn die Traurigkeit in mir wegen einer verlorenen Schlacht am Größten war, setzte ich mich zu ihr auf den Boden und genoss den Trost ihrer Liebenswürdigkeit. Während unzähliger Operationen lag sie zu meinen Füßen und begab sich im Anschluss zu den frisch operierten Hunden. Omnibussi legte sich neben sie und verströmte eine liebevolle Solidarität. Dieses kleine Hundemädchen war die bezaubernste „Arzthelferin“, die ich je im OP hatte.
So vergingen die Tage, aus Tagen wurden Monate und aus Monaten erwuchsen Jahre. Längst war Omnibussi ein Teil meiner täglichen Freude, gab Kraft an schwachen Tagen und zauberte ein kleines Lächeln in Momenten der Tränen.

So wie der Fluss keine Ruhe finden kann, ist auch unser Leben. Es geht weiter und weiter, die Tage kommen und gehen und ab und zu klingelt ein Telefon. Wuppertal war in Person von Tina Mühlenbeck am Telefon und erzählte etwas von einer älteren Dame, die dringend wieder einen Hund benötigt. Ihr Hund war gestorben. Freunde und Verwandte fühlten die gewaltige Trauer in dieser Frau und so gelang ein Bild von Omnibussi in ihre Hände. Es vergingen einige Wochen und plötzlich klingelte wieder ein Telefon auf dieser Welt. Erst in Wuppertal und einige Minuten später bei mir in Griechenland. „ Omnibussi kann auf Reisen gehen, die ältere Dame möchte sie zu sich nehmen“, waren die aufgeregten Worte von Tina. Mein Versprechen, dass ich die Kleine nur in eine bessere Welt von mir ziehen lasse, erlang schlagartig eine Aktualität, der ich mich stellen musste. Nachdem mir Tina das Versprechen gab, dass Omnibussi bis ans Ende aller Tage bei ihr bleiben könne, sollte diese Vermittlung aus irgendwelchen Gründen nicht klappen, wurde die Reise geplant. Mit der Feuchtigkeit meiner Augen auf ihren Fell fuhr meine herzallerliebste OP-Fee vom Gelände der Station und am ???????? hatte ich mein Versprechen eingelöst. Es war Liebe auf den ersten Blick und aus Omnibussi wurde eine Bussi, die Trauer der alten Dame wurde zur schönen Erinnerung an ihre ehemalige Hündin, meine Trauer wurde durch die Berichte von Tina zur Freude und Bussi war im Paradies angekommen. Endlich hatte dieser Goldschatz ein Zuhause, was für die vielen grausamen Tage entschädigte, gefunden.

Am 10.07.2011 war ich zu Gast im Tierheim Solingen, wo gerade das Tierheimfest voll im Gange war. Tina nahm mich bei der Hand und zerrte mich aus der Menschenmasse und plötzlich sah ich etwas abseits eine gemütlich anzuschauende, ältere Dame, eine Hundeleine in der Hand und am anderen Ende der Leine meine kleine Omnibussi. Mein Herz verkrampfte sich und eines könnt Ihr mir glauben, man kann tatsächlich aus einen Glücksgefühl heraus weinen. Dies tat ich ausgiebig und es war so befreiend. Omnibussi/Bussi interessierte dieser Gefühlsausbruch herzlich wenig, ihr Blick war nur bei ihren Frauchen. Sie war angekommen.
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Solche Geschichten sind die Essenz unseres Handelns. Wir können die Welt nicht retten, aber eine kleine Hündin ist ein Teil von dieser Welt und jedes Schicksal mit einem solchen Verlauf ist eine kleine Entschuldigung für jene Wesen, denen durch die Unvollkommenheit der menschlichen Art viel Leid zugefügt wird. Omnibussi lebt das Leben für Schoko weiter, ein Artgenosse von ihr, den das Gift vor einigen Tagen besiegte.
„Machs gut Schoko und verzeihe den Menschen, die Dich mit Gift gefüttert haben. Nicht alle sind schlecht. Eines Tages wird Omnibussi Dir ihre Geschichte erzählen und vielleicht findest Du dann den Frieden, der Dir auf Erden nicht vergönnt war“.

Ich danke allen Förderern unserer Tierschutzarbeit, ohne die solches Schicksal, wie es Omnibussi widerfahren ist, nicht zu bewerkstelligen ist. Lassen Sie uns zusammen weiter kämpfen!

Ihre Samira